PAPUA NEUGUINEA Expedition

Den gesamten August befanden wir uns im Hochland von Papua Neuguinea. Wir, dass sind die Künstler des Kollektivs Mangan25 und ich. Auf den Spuren des Kolonialoffiziers Hermann Detzners führte unser Weg einen Monat quer durch den Dschungel. Hermann Detzner überlebte die Zeit des ersten Weltkrieges, versteckt vor den australischen Besatzern im Dschungel von kannibalischen Stämmen. Gegen die Einsamkeit ankämpfend laß sich Hermann Detzner Goethes Faust und Shakespeare vor. Das schildert er in seinem Buch „Vier Jahre unter Kannibalen“ was er nach seiner Rückkehr in Deutschland 1919 schrieb. Wir haben ein Hörspiel aufgenommen und einen Dokumentarfilm gedreht. Ich habe Hermann Detzner gesprochen. Wir haben gebloggt direkt vor Ort aus dem Dschungel. Die Expedition gibt es hier zum nachlesen. ZUM BLOG

IMG_5055Es ist inzwischen der fünfte Tag in Mindik, geplant war das alles etwas anders, doch hat uns der gewaltige Regen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Gestern morgen zeigte sich dann die Sonne zum ersten Mal in ihrer tropischen Pracht. Alles war klar, am nächsten Morgen machen wir uns zu Fuß auf, die Berge hoch zum nächsten Dorf Richtung Graslands. Dann kam der heutige Morgen und alle saßen schon auf heißen Kohlen, fertig zum Abmarsch, doch unsere Träger waren noch nicht bereit und uns wurde versichert, morgen wäre es klüger loszuziehen. Nach anfänglicher Enttäuschung und Frust darüber es nicht hartnäckiger eingefordert zu haben, dass wir gehen wollen, stellte sich bei mir das Gefühl ein: da sind wir Weißen nun verdammt zum weiteren Lungern, erst gezwungen durch die Gewalt der Natur, dann durch die Einheimischen. Ich muss innerlich schmunzeln, habe ich doch das Lungern so hoch gehalten und ich denke mir, entspanne dich und lass es laufen, auf dich zukommen, hier tickt die Uhr einfach in einem anderen Takt. Wir machen uns auf den Weg zu der alten Mission von Mindik, bewaffnet mit Kamera, Drohne und Goethes Faust. Bei den alten Bungalows von dem deutschen Missionar Jacobsen nähern wir uns einem Dialog von Mephisto und dem Herrn an. Der Herr gewährt Mephisto freie Hand über Faust.

IMG_5636
Frederik Schmid als Hermann Detzner im Monolog mit Mephisto aus Goethes Faust.

Mir wird langsam klar, dass Detzner sich, wenn er Faust laß, anfangs sicherlich als Faust gesehen hat oder am meisten mit ihm identifizieren konnte, ein kluger Mann der sich die Welt zu Füßen legen will, anfangs mit allen irdischen Mitteln. Der Herr erscheint mir für Detzner, wie seine alte Welt, den Kaiser und alle Tugenden und Ideale vertretend, die in seiner Zeit als Soldat im deutschen Reich erstrebenswert waren. Detzner vermaß das neue unentdeckte Land, quer durch den Dschungel vom papuanischen Kaiser-Wilhelm-Land. Detzner erfährt von der Kapitulation seiner Kolonie im Busch und will es nicht wahr haben. Er stellt sich nicht und zieht stur weiter. Keiner darf ihm den Traum nehmen als Held in die Heimat zurück zu kehren. Hier in Papua ist Hermann Detzner mehr als nur ein Hauptmann unter Tausenden, die in Verdun verheizt werden. Hier ist er der alleinige Herrscher! Die Newguinis lieben ihn, verehren ihn, nennen ihn Captain. Aufgrund der Vorarbeit der Missionare Kayser und Flier sehen sie Detzner als Weißen, als einen aus dem gelobten Land aus dem dem die frohe Botschaft kam – Deutschland. Genau so wurde ich hier auch angesprochen von einem alten Mann, als einer der auch ein Bruder von ihm ist, weil ich aus dem fernen Germany komme, woher all die frohe Kunde kam. Damit umzugehen weiß ich überhaupt nicht. Ich lächelte und sagte thank you, verwirrt über die Gleichsetzung von mir als Deutschen und der „frohen Botschaft“ eines Missionaren vor über hundert Jahren. Detzner versteckte sich und war froh über jeden Tag den er weiter frei und ungeschlagen in seinem Papua bleiben konnte. So schnell würde ihm keiner seinen Traum entreißen. Mir wird deutlich,dass er mit der Zeit, die er alleine im Busch war, sich wahrscheinlich immer mehr der Seite des Mephisto annäherte. Die hohlen Reden des Herrn wirken wie Hohn auf ihn und seine Situation. Voll verletztem Stolz und Trotz wird er zu einem Einzelkämpfer der mehr und mehr sich dem Größenwahn nähert. Jeden Tag den er länger frei hier bleibt, ist die Bestätigung dafür, dass er Recht hat und behalten wird. Er wird nicht aufgeben, zu schön ist die Vorstellung ein Held zu sein. 

Ich krieche wie eine Katze, marschiere wie ein affiger Soldat, hechte wie eine Maus über die kleine Bühne des Bungalows, im inneren Dialog des Herrn und Mephisto. Langsam vergesse ich das halbe Dorf, was mir ungläubig zusieht. Ich schlängel mich die Wand des Bungalows entlang, immer wieder die Sätze Mephistos wiederholend. Es stimmt was er sagt. Es passt zu mir. Es ist genau meine Situation. Pah, was weiß der Herr schon! Ich hämmere an die Tür. Sie springt auf und ich stehe in einem neuen Land. Wie in einem militärischen Touret marschiere ich in die unbewohnte, völlig intakte Missionarwohnung. Ich schleiche katzig, breit grinsend zum Fenster, um in das Tal zu sehen, die Kamera immer im Rücken. Was hat Detzner wohl empfunden, schießt es mir durch den Kopf. Die Schönheit dieser prächtigen gnadenlosen Natur immer vor sich zu haben. Ich würde irre werden. Wie ein angestochenes Schwein renne ich durch das Unterholz zwischen den riesigen Nadelbäumen, gepflanzt von den deutschen Missionaren, um eine bisschen Heimat in dem fremden Habitat zu haben. Wie ein wildes Tier und Farmblätter zerreißend, renne ich an den Rand des Hügels. Das weite Tal entfaltet sich in seiner gesamten Pracht vor mir, schwitzend und erschöpft lass ich mich fallen, Grashalm kauend immer noch Mephisto und den Herrn im Dialog. Einsamkeit und Resignation machen sich breit. Wie konnte Hermann Detzner das hier nur durchstehen? Die Kamera ist aus, wir rauchen und die Drohne fliegt Ihren Panoramaflug. Ich gehe zu dem alten Friedhof am Ende des Hügels und bin glücklich, wie jedes Mal, wenn wir hier was aufnehmen und ich spielen kann, auf dieser so unwirklichen Bühne. Wenn mir jetzt jemand sagen würde: „lieber Frederik, leider gibt es keine Interesse mehr an Schauspiel und alle Theater mussten schließen“, so würde ich trotzdem weiter spielen, dann halt irgendwo auf der Straße. Den Traum nimmt mir keiner. Mit einem Lächeln kehren wir zurück und springen in den kalten Bach. Am Abend stellt sich heraus warum wir heute früh nicht losziehen konnten. Es findet gleich noch eine Abschiedszeremonie für uns statt, ohne diese wollten sie uns nicht gehen lassen heute morgen. Wie gut, dass wir diesen Tag hier noch lungern konnten.

Angesichts der Gefahr von Malaria im Dschungel sah ich mich gezwungen einen “ überlebenswichtigen“ Werbespot zu drehen.

NOBITE by HERMANN DETZNER from Frederik Schmid